Prof. Dr. Gerhard Wolf

Themen und Ergebnisse meiner Arbeit

Impressum  Impressum  Drucken  Drucken  Sitemap  Sitemap  
 

Das große Ganze

Gerhard Wolf wirkte in den Jahren 1994 bis 2017 als Strafrechtslehrer an der
Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Geprägt durch den Vater
Ernst Wolf, Professor für Zivilrecht an der Philipps-Universität in Marburg, und
seinen eigenen akademischen Lehrer, den viel zu früh verstorbenen Marburger
Strafrechtslehrer Dieter Meurer, standen bei Gerhard Wolf Sprache und Methodik
im Zentrum des Schaffens. Für ihn waren dies die notwendigen Bedingungen,
um das Strafrecht im Zaum zu halten. Jedem, der sich nur ansatzweise
mit diesem Rechtsgebiet auseinandersetzt, weiß, wie politisch überfrachtet das
Strafrecht ist. Auch die gut gemeinten Gegenansätze sind voll widersprüchlicher
Symbolik. Das ganze Strafrecht strotzt vor ironischen Brechungen. Gerhard
Wolf ist nie einem Trend hinterher gelaufen. So arbeitete er all die Jahre und bis
heute an einem widerspruchsfreien Strafrechtssystem, das keine Einfallstore für
Willkür bietet, immer das große Ganze im Blick. Ein akademisch asketischer
Weg mit hohem Anspruch und ohne schrille Töne. Was nicht bedeutet, dass sich
Gerhard Wolf mit Kritik gegenüber der sog. herrschenden Meinung zurückgehalten
hätte. Man kann das eine wollen und das andere trotzdem tun. Vielleicht
ist diese Facette auch so eine ironische Brechung.

Wie alle akzentuierten Persönlichkeiten, die der Welt etwas zu sagen haben,
ist Gerhard Wolf nicht mit drei Federstrichen zu beschreiben. Aber das Vorwort
einer Festschrift bietet für seine Schüler den Rahmen, es zumindest zu versuchen,
in aller gebotenen Kürze.


Der Wissenschaftler

1984 promovierte der Jubilar zum Thema „Strafe und Erziehung nach dem
Jugendgerichtsgesetz". Sechs Jahre später folgte das Werk „Das System des Rechts
der Strafverteidigung" des Habilitationsstipendiaten der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Kleinteiliges war nie die Sache von Gerhard Wolf. Er strebte von
Anfang an danach, große Linien aufzuzeigen. So etwas kann man nur leisten,
wenn man eine Idee zu der Frage nach dem Kern von allem hat. Gerhard Wolfs
Antwort auf diese Frage war immer eindeutig: Gesetzesauslegung, strikt innerhalb
der Wortlautgrenze.

Dieses Verständnis hat seinerseits zwei Säulen.

Die erste Säule ist die Gewaltenteilung. Legislative. Exekutive. Judikative. Beim
Auseinanderhalten dieser Rollen innerhalb des Rechtsstaates war Gerhard Wolf
immer außerordentlich genau. Er hat ein feines Gespür für Systembrüche,
besonders an der Schnittstelle von Legislative und Judikative. Handwerklich
schlecht gemachte Gesetze, korrigiert durch richterliche Rechtsfortbildung -
für viele hingenommene Normalität, für Gerhard Wolf eine grauenvolle Kombination.
Was passieren kann, wenn das Koordinatensystem zusammenbricht,
haben die Jahre 1933 bis 1945 gezeigt. Strafrecht wurde zum Instrument des
politischen Terrors. Sein eigener Vater kam mit Anfang Zwanzig ins Konzentrationslager,
weil er gegen die Zwangsemeritierung eines Professors demonstriert
hatte. So eine Erfahrung schafft Haltung in der ganzen Familie - und vielleicht
besonders beim Sohn. Gerhard Wolfs Herangehensweise an das Strafrecht als
Wissenschaftler ist ohne diese historische und persönliche Komponente nur
unvollständig erfassbar. Erst mit diesem Schlüssel öffnet sich die Tür. Der Nukleus
der Strafrechtswissenschaft ist nicht die fünfundzwanzigste Auslegungstheorie
eines Tatbestandsmerkmals, sondern das Ringen um eine transparente
und wirksame Außengrenze für die staatliche Strafgewalt.

Die zweite Säule sind eindeutige sprachliche Kategorien. Gerhard Wolf
ist im besten Sinne Verfechter einer klaren Sprache. Man braucht weder das
große Latinum, noch einen Abschluss in Philosophie oder Soziologie, um
seinen Gedanken zu folgen. Dieses Maß an Uneitelkeit ist unter Professoren
keine Selbstverständlichkeit. Gerhard Wolf entlarvte mit a11alytischer Präzision
sprachliche Verschwurbelungen, denen andere unkritisch folgten. Das Gerede
über die limitierende Funktion des Rechtsguts ebenso wie freischwebende teleologische
Reduktionen gegen den Wortlaut oder auch die Voraussetzungen des
Feindstrafrechts. Gerhard Wolf setzte in diesen Fällen gerne auf d'in Begriff
,,Wortgeklingel". Das traf den Kern.

Sein Gegenmodell ist die Realistische Wissenschaftliche Rechtslehre. Ein
rigoroser linguistischer Ansatz ohne idealistischen Überbau, basierend auf der
Annahme, dass der Mensch sprachlich denkt. Die Arbeiten an einem schlüssigen
Gesamtsystem auf dieser Grundlage sind langwierig und noch nicht abgeschlossen.

Der Strafrechtslehrer

Gerhard Wolf war bei den Studierenden beliebt, auch und gerade weil er Thesen
vertrat, die im Widerspruch zur Ausbildungsliteratur und den Standardlösungsskizzen
der juristisd1en Repetitorien standen. Er setzte nicht auf stumpfes
Einpauken, sondern auf die Methodik des Lernens. ,,Der Jurist mus~ nicht alles
wissen, sondern vor allem, wo er es findet." Er zeigte Bezüge zur Praxis auf, wo
es nur ging. Zeitungsartikel als Klausursachverhalte, Besuche von Gerichtsverhandlungen,
Rundgänge in Justizvollzugsanstalten. Es ging Gerhard Wolf um
die realen Dimensionen, auch in der Ausbildung.

Der akademische Lehrer

Als Chef des Lehrstuhls gewährte er Freiheiten und förderte den Nachwuchs.
Aber er forderte auch ein, selbst im Urlaub. Im Sommer wurde am Lehrstuhl
manches Mal jeden Tag eine neue Thermopapierrolle ins Faxgerät eingelegt, und
jeden Morgen war der rote Strich am Rand zu sehen. Dann war Gerhard Wolf
nachts im elterlichen Feriendomizil wieder in einen Arbeitsrausch geraten und
hatte Aufträge geschickt. Manchmal ging das wochenlang.

Gerhard Wolfs akademische Schüler brauchten einen langen Atem. Der Jubilar
hatte immer viele Fragen zu eingereichten Texten. Aber stets hatte er Respekt
vor der eigenständigen gedanklichen Arbeit. Diese honorierte er großzügig, auch
wenn er dem Ansatz selbst nicht folgte. Die wissenschaftliche Freiheit, die er für
sich selbst gegenüber der Institution Universitätsbetrieb einforderte, gewährte er
dem Nachwuchs in vorbildlicher Weise.

Der Mensch

Gerhard Wolf hat ein offenes, herzliches und verlässliches Wesen. Und er vertritt
klare Standpunkte. Wer ihm ebenso begegnet, lernt einen hilfsbereiten, großt
Ligigen und angenehm selbstironischen Zeitgenossen schätzen. Nachdem seine
Frau Nina in sein Leben getreten war, brauchte der Lehrstuhl in den Sommermonaten
deutlich weniger Thermopapierrollen für das Faxgerät. Was für ein
Glück, nicht nur für den Jubilar. Die herrlich diskussionsreichen Grillabende im
Gartender Familie Wolf am Vorabend der Semesterferien genossen einen legendären
Ruf in Frankfurt (Oder). Gerhard Wolf kann sich nun ganz den Arbeiten
an seinem großen zusammenhängenden Alterswerk widmen. Seine Schüler sind
sicher, dass damit ein längst überfälliger neuer Impuls gesetzt werden wird. Es
bleibt spannend.


Die Herausgeber   
                    
                 Thomas Bode       Nikolaus Wrage         Martin Mrosk       Michal Jakowczyk

© 2019 | Prof. Dr. Gerhard Wolf, Europa Universität Viadrina    -   Letzte Änderung: 20.05.2019 TOP Seitenanfang