Strafrecht - Recht - Wissenschaft

Zusammenfassung meiner Arbeiten als Strafrechtslehrer

Lehren zum Strafrecht erfordern eine systematisch vollständige Analyse des gesamten Rechtsgebiets, also der Strafbarkeit von Verhaltensweisen, ihrer Rechtsfolgen, des Strafverfahrens und des Strafvollzugs: Alle diese Themen hängen untereinander und mit kriminologischen Aspekten zusammen. Darüber hinaus setzen sie rechtsgebietsübergreifende Lehren (Allgemeine Rechtslehre), eine empirisch fundierte Wissenschaftslehre sowie Antworten auf Grundfragen der Erkenntnis-, Verhaltens-, Sprach- und Gesellschaftstheorie voraus. Die Lösung eines Strafrechtsfalles muss sich daher bei problematischen Fragen auf eine geschlossene, wissenschaftlich begründete Argumentationkette oder aber eine legitimierte Entscheidung stützen lassen.  Die Ergebnisse, zu denen eine solche umfassende Herangehensweise führt, weichen von den herkömmlichen Auffassungen deutlich ab.

Hinzukommen müssen auch für einen Rechtswissenschaftler Aspekte des Juristen-Alltags: Rechtsfragen lassen sich nicht ausschließlich in der (sehr hilfreichen!) Abgeschiedenheit eines 'Elfenbeinturms" klären: Auch ein 'Rechtstheoretiker' muss zur Kenntnis nehmen und die Konsequenzen daraus ziehen, dass die realen Abläufe nicht durch den Lehrbetrieb an den Universitäten, sondern durch die gerichtliche Praxis, vor allem aber nicht durch Recht, sondern durch Unrecht beeinflusst oder sogar geprägt werden: Egoismus, Macht, Kriege, Lüge, Vergewaltigung, Ausbeutung - kurz: durch Verbrechen. Fragen der praktischen Rechtsumsetzung müssen daher ein zentraler Bau- und Prüfstein jeder (Straf-)Rechtslehre sein, wenn sie nicht nur eine irrelevante "Idee" bleiben soll.

Aus dem erforderlichen Bezug zur Wirklichkeit ergibt sich schließlich, dass eine Strafrechtslehre auch die Emotionen in den Blick nehmen muss, die mit Straftaten verbunden sind - auf der Täterseite, bei den Opfern und (nicht zu unterschätzen!) auch in der Justiz: Das subjektive "Rechtsgefühl" der Menschen und ihre verständlichen Forderungen nach "Gerechtigkeit" lassen sich nicht einfach mit dem (zutreffenden!) Hinweis "Ansichtssache!" beiseiteschieben. Sie müssen (ebenso wie die mit dem Strafrecht zusammenhängenden allgemeinpolitischen, rechtspolitischen, ethischen oder metaphysischen Fragen) in die Überlegungen einbezogen -  aber an der richtigen Stelle eingeordnet und ausgewertet werden.

Das damit umrissene Arbeitsfeld ist zugegebenermaßen ambitioniert abgesteckt, aber keineswegs vermessen: Es geht um die Skizze eines neuen realistischen Gesamtgebäudes, um Beiträge zu wissenschaftlich tragfähigen Fundamenten und um Bausteine zu einer geschlossenen, d.h. systematisch vollständigen, widerspruchs- und redundanzfreien Konzeption, auf der sich dann "bottom - up" schrittweise aufbauen lässt, auch wenn selbstverständlich niemand sie allein auf Anhieb bis ins Detail umsetzen kann.