Ontologische Grundfragen

Dass eine Rechtslehre nicht ohne Lehren zu 'Handlung', 'Unterlassung', 'Kausalität' und 'Verschulden' auskommt, lernt ein Student in den Vorlesungen zum 'Strafrecht' schon im ersten Semester. Aber auch in der Allgemeinen Rechtslehre bzw. im Zivilrecht z.B. bei Fragen der Auslegung (von Gesetzen und Verträgen) und im Öffentlichen Recht mit den Grundproblemen von Staat und Gesellschaft ist evident, dass man ohne Antworten auf Grundfragen nicht auskommt.

Als 'Grundfragen' fasse ich die allgemeinen, d.h. allen Wissenschaften gemeinsamen, also fachübergreifenden Themen zusammen, auf deren Klärung keine Wissenschaft verzichten kann und die sie in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit und deren natur- und geisteswissenschaftlichen Analysen beantworten muss. Die Antworten sind das unabdingbare Fundament für fachwissenschaftliche Detailerkenntnisse.

Der Zusatz "ontologisch" ist aus historischen wie sachlichen Gründen überaus problematisch, aber als adjektivische Erläuterung meines Themas zulässig und erforderlich: Die allgemeinen Grundfragen sind nicht Gegenstand einer besonderen "Ontologie", sondern Teilinhalte jeder Wissenschaft, über deren Grenzen sie aber hinausgehen, und deren fachübergreifende Klärung uabdingbar ist. Den sich daraus ergebenden Grundbestand an "ontologischen" Wissen kann und muss man - methodisch wie sachlich - von Fachfragen trennen. Letztlich geht es also um eine pragmatische Verteilung von allgemeinen und besonderen Kompetenzen.

    Die Vernachlässigung der damit umrissenen "Ontologischen Grundfragen" und deren Zurückdrängung zugunsten speziell juristischer bzw. pragmatischer Scheinlösungen ist eines der Hauptgebrechen, an denen die Rechtslehre leidet.